Liszt/Schubert

BOOKLET | LUKAS STERNATH | DANIEL FINKERNAGEL

Für mich war schnell klar, dass Schubert auf meinem ersten Album dabei sein muss. Am meisten berühren mich seine Lieder. Ich finde, da ist er ganz bei sich, bei seiner Klanglichkeit und seiner Sprache.

Liszt hat diese Lieder wunderbar arrangiert und ich versuche das möglichst so zu gestalten, dass es nach natürlichem Gesang klingt. Daher singe ich auch beim Üben so gut es geht die Lieder mit. Das hilft mir, den sängerischen Atem der Werke besser zu spüren und in die Finger zu bekommen. Schubert war wie ich auch ein Wiener Sängerknabe. Ich glaube, dass das schon sehr prägend ist, gerade im Alter zwischen 10 bis 14. Man lernt auf ganz natürliche Art, zu phrasieren und mit der Musik zu atmen.

Georg Philipp Schmidt von Lück, „Des Fremdlings Abendlied“ („Der Wanderer“)

Ich bin ein Fremdling überall.
Wo bist du, mein geliebtes Land?
Gesucht, geahnt, und nie gekannt!

Dieses Gefühl „Ich bin ein Fremdling überall“ kenne ich sehr gut. Ich bin viel unterwegs und fühle mich auch ein bisschen wie ein Wanderer: immer auf der Suche, immer unterwegs und man kommt nie ans Ziel. Wenn ich mich aber an`s Instrument setze, fühle ich mich geborgen. Und trotzdem kommt ab und zu das Gefühl auf: „Was mache ich eigentlich hier?“

Ich wandle still, bin wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer, wo?
Im Geisterhauch tönt's mir zurück:
"Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück."

Die letzte Zeile „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück“, beschreibt ein Gefühl, das ich ebenfalls kenne. Wenn ich zum Beispiel unbedingt ein Stück spielen will, dann freue ich mich darauf, lerne es und spiele es dann in Konzerten.

Ich bin also anscheinend ans Ziel gekommen, aber jetzt suche ich mein Glück wieder woanders. Es ist diese ständige Glückssuche, die in unserer Zeit auch sehr prägend ist. Wir haben heutzutage so viele Ressourcen und fragen uns immer: Was kommt jetzt? Wie geht es weiter? Bin ich auf dem richtigen Weg? Und könnte ich nicht auch dieses oder jenes machen? Der Wanderer ist ein permanent Suchender, Hinterfragender. Er beschreibt zwar im Gedicht, wie unglücklich er ist, fühlt sich jedoch zugleich in diesem Suchen und Wandern auch sehr geborgen. Das ist seine Heimat, das ist sein Weg. Solche Tendenzen spüre ich auch in mir. Mich tröstet da immer der Gedanke, zu wissen, dass es gar nicht um das Ziel geht. Es geht um den Weg.

Ludwig Uhland, „Frühlingsglaube“

Die Welt wird schöner mit jeden Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.

Das ist das Spannende beim „Frühlingsglaube“: Der Frühling kommt, die Natur blüht auf, es kommen schönere Zeiten. Aber es ist immer auch aus der Perspektive der Vergangenheit erzählt: Da gab es mal irgendwas Dunkles und Düsteres. Es geht in diesem Frühling nicht einfach nur um Sonne und gute Laune. Mir fällt dazu dieses Bild ein: Du sitzt am Strand und du blickst aufs Meer hinaus. Die Sonne scheint, alles ist wunderbar. Und plötzlich kommt dieser Gedanke: All das ist irgendwann auch wieder vorbei, alles ist vergänglich. Daraus entsteht für mich die Melancholie.

Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiss die Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Melancholie ist mir vertraut. Für mich hat sie einen süßen Beigeschmack und nichts Niederschmetterndes. Es ist eher eine wehmütige und sehr nachdenkliche Haltung, die auch nicht unbedingt einen Anlass braucht. Ich bin dann sehr in mich gekehrt und ruhig.

„Auf dem Wasser zu singen“, Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg

Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen Gleitet, wie Schwäne, der wankende Kahn; Ach, auf der Freude sanft schimmernden Wellen Gleitet die Seele dahin wie der Kahn;

„Auf dem Wasser zu singen“ ist einerseits eine Naturbeschreibung. Alles fließt hier, alles ist ruhig, je nach Tempo natürlich. Aber am Ende lautet die große Conclusio, dass wir alle mit der fliehenden Zeit früher oder später entschwinden. Aber bei aller Vergänglichkeit vermittelt uns die Natur auch Geborgenheit und Schönheit. Das tröstet und erlaubt uns, das Leben „fließen“ zu lassen, die Dinge loszulassen. All das führt zu einer gewissen Gelassenheit, die ich bei Schubert heraushöre.

Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel Wieder wie gestern und heute die Zeit, Bis ich auf höherem strahlenden Flügel Selber entschwinde der wechselnden Zeit.

Bei aller Gelassenheit trägt die Musik auch eine extreme Spannung und explosives Material in sich. In der Kunst und im Leben gibt es eben nicht nur den einen Weg, um die Dinge zu betrachten. In der einen Situation hört und empfindet man auf die eine Weise und in einer anderen Situation eben wieder ganz anders. Daher ist es auch bei Aufnahmen oft sehr schwierig, sich für den „richtigen“ Take zu entscheiden. Der eine klingt z.B. viel ruhiger und steht über den Dingen; der andere Take wiederum ist vielleicht sehr impulsiv. Beides gleichzeitig funktioniert nicht - das wäre weder Fisch noch Fleisch.

Liszt hat Schubert sehr geschätzt und unzählige Lieder arrangiert, damit sie zur Aufführung kommen. Und in Schuberts „Wanderer-Fantasie“ klingt schon einiges an, was Liszt später komponieren wird: Da ist der orchestrale Zugriff, diese ganzen verminderten Septakkorde, die Virtuosität, die klangliche Fülle. Das Finale der Wanderer-Fantasie ist ein wahnsinniger Kraftakt, der mir beim Spiel so vorkommt, als befreite man sich von irgendwelchen Ketten und jubelte am Ende über diese Erkenntnis und diese Gipfelbesteigung. Ich habe dann das Gefühl, etwas bewältigt zu haben - was auch immer das sein mag.

Francesco Petrarca, Sonett 47

Und gesegnet sei der erste süße Schmerz, den ich erlitt, als ich mit Amore vermählt wurde, und der Bogen und die Pfeile, die mich trafen, und die Wunden, die bis ins Herz reichen. 

Liszt hat sich in den „Années de Pèlerinages“, den „Pilgerjahren“, von Petrarcas Gedichten, von Gemälden, von Skulpturen und natürlich Dantes „Inferno“ inspirieren lassen. Ich finde es sehr schön, wenn Kunstformen verschmelzen und sich gegenseitig beflügeln.

Im Sonett Nr.123 geht es um Himmel und Erde als dialektischer Gegensatz. Aus These und Antithese entsteht etwas Neues. Das ist eben der Weg, den wir gehen müssen. Dieser nie endende Prozess treibt auch Liszt an.

Francesco Petrarca, Sonett 123

Ich sah hinieden schon der Engel einen Schön, mit nichts auf Erden zu vergleichen So das mich wechselnd Weh und Lust beschleichen Gedenk ich dran, als Traum das Leben will scheinen.

„Weh und Lust“ bilden einen weiteren Gegensatz. Auch für mich geht Liebe immer einher mit Verletzlichkeit, denn wir müssen uns in der Liebe zeigen und machen uns damit verletzlich. Das kann natürlich sehr schmerzhaft und enttäuschend sein.

Francesco Petrarca, Sonett Nr.104

Vom Schmerze leb’ ich, lache bei der Träne, Gleich schrecklich ist mir Leben, ist mir Sterben, So ist durch dich, o Laura, jetzt mein Leben.

Im Sonett Nr.104 beschreibt Petrarca einen Ist-Zustand. Diese Perspektive spricht mich immer sehr an. Wir gehen oft mit einer fordernden Einstellung durch die Welt und denken: „So soll es sein!“. Vielleicht wäre es schöner und sinnvoller, einfach festzustellen: „So ist es!“. Dafür braucht es eine Haltung des Annehmens. Annehmen bedeutet für mich: Ich vertraue dem Fluss des Lebens, stelle mich den Dingen, wie sie sind und bleibe offen.

Francesco Petrarca, Sonett Nr.104 Zum Krieg zu schwach, kann ich nicht Frieden finden, Ich fürcht’ und hoffe, frier’ und glüh’ im Brande, Zum Himmel flieg’ ich, schmacht’ im Erdenlande, Nichts haltend, möcht’ ich doch die Welt umwinden.

Wie Schubert ist auch Liszt in seinen Pilgerjahren ein Wanderer. Zum Schluss pendelt er in der Dante-Sonate zwischen Himmel, Erde und Hölle. Diese Pole liefern Liszt immer wieder auch Treibstoff für Virtuosität. Jedoch nicht im Sinne von schneller, höher, lauter. Darum ging es ihm sicher nicht. Das ist eher ein Ausdruck von: Da kocht etwas in einem hoch. Das ist ein Sprengstoff, der sich entlädt – nach Außen und nach Innen.

Körperlich ist es egal, wie gut ich vorbereitet bin, es bleibt einfach immer ein Kraftakt und eine Überforderung. Das zu überwinden, über sich hinauszuwachsen, bedeutet eine seelische Anstrengung, die sich wahnsinnig lohnt. Um dem gewachsen zu sein, braucht es viel Vorarbeit: hinterfragen, suchen, finden, verwerfen, weitersuchen etc. Was auch immer dabei rausgekommen ist, muss ich dann gehen lassen, das ist eine große Herausforderung. Sachen zu verstehen, anzunehmen und wieder fließen zu lassen. Genauso ist es doch auch im Leben und in der Liebe. Einerseits will man kontrollieren, andererseits will man pure Freiheit. Ich finde beides kann koexistieren. Beides ergänzt sich zu einem Gefüge. Das ist der Balanceakt zwischen Kontrolle und Freiheit – im Leben und in der Kunst.

BIO

Lukas Sternath vertraut der Magie des Unvorhersehbaren. Von Anfang an. Als er sich als Kind ans Klavier setzt, will er von Kompositionen nichts wissen und improvisiert. Noten und klassische Musik lernt er dann als Wiener Sängerknabe kennen und nebenbei auf ausgedehnten Tourneen die ganze Welt. Lukas Sternath glaubt an Fügung und die nicht planbaren Begegnungen im Leben. Prägend werden für ihn Anna Malikova, Alma Sauer, Paul Lewis und vor allem Igor Levit, der sein Mentor wird. Dass er beim ARD Wettbewerb 2022 neben dem 1.Preis sieben Sonderpreise erhält, mag auch mit seiner Fähigkeit zu tun haben, aus dem Moment heraus Musik entstehen zu lassen. Unerhört unvorhersehbar.

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